Am 18. September 2026 bestätigte Anthropic, dass das Unternehmen ein Nasslabor im Großraum San Francisco betreibt. Dort führt Anthropic biologische Experimente durch und verlagert damit einen Teil seiner Arbeit aus der rein computergestützten Forschung in ein physisches Labor. Als Schwerpunkt nennt das Unternehmen Grundlagenbiologie – nicht ausdrücklich die Entwicklung von Medikamenten.
Anthropic betreibt ein Biologielabor im Großraum San Francisco
Ein Nasslabor ist ein Labor, in dem biologische Proben und chemische Verfahren praktisch bearbeitet werden. Anthropic nutzt die Einrichtung nach eigener Darstellung für einen Teil seiner Lebenswissenschafts-Forschung und arbeitet bei anderen Projekten mit externen Partnern zusammen.
Damit erweitert das Unternehmen sein bisher vor allem softwaregeprägtes Forschungsmodell um reale Experimente. Eric Kauderer-Abrams, Leiter des Bereichs Life Sciences bei Anthropic, beschreibt praktische Laborarbeit als notwendigen Schritt, um biologische Forschung zu überprüfen.
Die Einordnung ist wichtig: Anthropic bezeichnet die Grundlagenbiologie als Hauptfokus des Labors. Anwendungen rund um die Arzneimittelforschung gehören zum weiteren Lebenswissenschaftsprogramm, beschreiben aber nicht den ausdrücklich genannten Schwerpunkt der Einrichtung.
Vom digitalen Modell zum physischen Experiment
Anthropic verbindet mehrere Bausteine: Claude Science soll wissenschaftliche Datenbanken und Werkzeuge koordinieren, Analysen ausführen sowie Code, wissenschaftliche Abbildungen und Manuskripte erzeugen. Die Plattform kann laut Anthropic außerdem Rechenjobs verwalten und die zugehörige Umgebung, den Nachrichtenverlauf und den erzeugten Code für spätere Prüfungen festhalten.
Claude Science befindet sich in der Beta-Phase und ist für Claude-Pro-, Max-, Team- und Enterprise-Nutzer unter macOS und Linux verfügbar. Anthropic nennt dafür mehr als 60 kuratierte Skills und Konnektoren aus Bereichen wie Genomik, Einzelzellbiologie, Proteomik, Strukturbiologie und Cheminformatik.
So entsteht eine Verbindung zwischen drei Ebenen: Claude verarbeitet Literatur und Daten, Claude Science organisiert die wissenschaftlichen Arbeitsabläufe, und das Nasslabor liefert praktische Experimente. Die physische Arbeit bleibt dabei der Punkt, an dem biologische Hypothesen unter realen Bedingungen untersucht werden.
Laborroboter mit Claude: noch frühe Entwicklungsphase
Anthropic prüft außerdem, ob Claude mit Laborrobotern interagieren und bestimmte Abläufe unterstützen kann. Diese Laborautomatisierung befindet sich in einer frühen Phase. Für die Sicherheit und die Überwachung der Experimente bleibt menschliche Aufsicht erforderlich.
Claude arbeitet damit nicht selbstständig und ohne Menschen im Labor. Die derzeit beschriebene Rolle ist die eines KI-Systems, das Forschende bei der Planung, Analyse und möglicherweise bei einzelnen robotergestützten Arbeitsschritten unterstützt.
Das verändert auch die Bedeutung des Projekts: Anthropic baut nicht einfach einen Chatbot in ein Labor, sondern versucht, Software, wissenschaftliche Arbeitsabläufe und physische Experimente miteinander zu verbinden. Wie weit diese Verbindung im Alltag der Einrichtung reicht, hat Anthropic bislang nicht im Detail beschrieben.
Die Zugangskontrolle für biologische Forschung
Für externe Forschungsteams hat Anthropic das Life Sciences Verification Program als Beta-Angebot gestartet. Geprüfte Teams können dabei je nach Antrag und Einsatzgebiet Zugang zu Mythos-, Opus- und Sonnet-Modellen erhalten. Das Programm unterscheidet zwischen „Standard Use“- und „High-risk Use“-Zugängen.
Anthropic verlangt für die Teilnahme unter anderem eine Prüfung der Qualifikationen, der Sicherheitsstandards, der ethischen Aufsicht und des konkreten Verwendungszwecks. Einzelpersonen waren zum Start des Programms nicht vorgesehen.
Anthropic beschreibt außerdem technische und organisatorische Schutzmaßnahmen. Daten, die mit markierten Aktivitäten verbunden sind, werden demnach 30 Tage gespeichert, getrennt behandelt und nicht zum Training der Modelle verwendet. Das Programm berücksichtigt ausdrücklich Risiken wie kompromittierte Zugänge, Insider-Bedrohungen und den Missbrauch von KI-Agenten.
Keine klinischen Studien durch Anthropic geplant
Anthropic sagt, dass das Unternehmen vorerst keine klinischen Studien selbst durchführen will. Die Rolle des Unternehmens soll damit bei KI-Systemen, wissenschaftlichen Werkzeugen, Grundlagenforschung und Kooperationen liegen – nicht bei der eigenen Entwicklung und klinischen Erprobung eines Medikaments.
Die Kombination aus Claude Science, dem Life Sciences Verification Program und dem eigenen Nasslabor zeigt, wie Anthropic seine Aktivitäten in den Lebenswissenschaften ausbaut. Der nächste konkrete Schritt ist dabei nicht ein autonomes Labor, sondern die kontrollierte Verbindung von KI-gestützten Arbeitsabläufen mit praktischer biologischer Forschung.