Brasiliens Datenschutzbehörde Agência Nacional de Proteção de Dados (ANPD) hat ByteDance, die Muttergesellschaft von TikTok, am 25. August 2026 mit 153,7 Millionen R$ belegt. Die Behörde stellte fünf Verstöße gegen die brasilianische Lei Geral de Proteção de Dados (LGPD) im Umgang mit den Daten von Kindern und Jugendlichen fest. Untersucht wurden dabei nicht nur registrierte Konten, sondern auch TikToks Feed ohne Anmeldung.
Die ANPD sanktioniert ByteDance
Im Kern geht es um drei Probleme: Laut ANPD fehlte für die Verarbeitung der Daten Minderjähriger in den untersuchten Zugangsarten eine geeignete Rechtsgrundlage. Außerdem habe TikTok nicht ausreichend verhindert, dass Kinder und Jugendliche sich registrieren oder die Plattform nutzen. Hinzu kam, dass ByteDance die Wirksamkeit seiner technischen und organisatorischen Schutzmaßnahmen nicht nachweisen konnte.
Die fünf Verstöße beziehen sich auf die Artikel 6 und 7 der LGPD. Das ist mehr als ein Streit über einzelne Datenschutzeinstellungen: Die Entscheidung betrifft die Frage, ob eine Plattform Minderjährige zuverlässig schützt, bevor sie deren Daten verarbeitet und ihnen Zugang zu ihren Funktionen gewährt.
Eine Schätzung im Zusammenhang mit dem Verfahren nennt mindestens 8 Millionen potenziell betroffene Minderjährige. Das ist keine bestätigte Zahl einzelner betroffener Personen, sondern eine Schätzung der möglichen Reichweite.
Warum auch der Feed ohne Anmeldung eine Rolle spielt
Die Sanktion betrifft zwei unterschiedliche Wege zu TikTok: die Nutzung mit einem registrierten Konto und den Feed, der ohne Anmeldung zugänglich ist. Gerade der zweite Fall macht den Vorgang relevant für alle, die TikTok-Inhalte ansehen, ohne ein Konto anzulegen.
„Ohne Konto“ bedeutet bei einer Plattform nicht automatisch „ohne Datenverarbeitung“. TikTok musste auch für diesen Zugang erklären, auf welcher Grundlage Daten verarbeitet werden und wie Kinder und Jugendliche von der Nutzung ferngehalten werden. Nach den Feststellungen der ANPD reichten die bestehenden technischen und organisatorischen Vorkehrungen dafür nicht aus.
Damit verschiebt sich der Blick von der einzelnen Kontoseite auf das gesamte Zugangssystem: Registrierung, Alterskontrolle, personalisierte Ausspielung und Schutzmechanismen müssen zusammen funktionieren. Genau diese Verbindung zwischen offenem Feed und Minderjährigenschutz macht den Fall technologisch interessant.
Was sich bei TikTok in Brasilien ändern soll
Der von der ANPD gebilligte Maßnahmenplan setzt an mehreren Stellen an. Für Konten von Nutzern unter 16 Jahren sollen automatisch die restriktivsten Privatsphäre-Einstellungen gelten. Wer diese Einstellungen ändern möchte, soll dafür die Zustimmung der Eltern benötigen.
Für die Nutzung ohne Anmeldung gelten in Brasilien außerdem konkrete Einschränkungen:
- Die Sitzung darf höchstens 12 Stunden dauern.
- Werbung wird für nicht angemeldete Nutzer ausgesetzt.
- Personalisierung und Datenerhebung werden deutlich reduziert.
- Nicht angemeldete Nutzer können keine Beiträge veröffentlichen oder kommentieren.
- Direktnachrichten, das Folgen von Konten und das Ansehen von Live-Übertragungen werden deaktiviert.
Bei der Datenerhebung soll sich der unangemeldete Zugriff im Wesentlichen auf Sprache, Region, grundlegende Geräteinformationen zur Betrugsprävention und für den Betrieb der Anwendung notwendige Angaben beschränken. Für Eltern und Jugendliche ist das der praktisch wichtigste Teil der Entscheidung: Der freie Blick in den Feed soll nicht mehr mit denselben Funktionen und Datenflüssen verbunden sein wie ein vollständig nutzbares Konto.
Was die Zahlen aussagen – und was nicht
Die zentrale Zahl ist die Strafe von 153,7 Millionen R$. Dazu kommen fünf festgestellte Verstöße, zwei untersuchte Zugangsarten und eine geplante Beschränkung des unangemeldeten Zugriffs auf zwölf Stunden.
Die Zahl von mindestens 8 Millionen Minderjährigen sollte dagegen nicht wie eine bestätigte Opferzahl gelesen werden. Sie beschreibt eine mögliche Größenordnung der Datenverarbeitung, nicht eine abschließende Liste individuell identifizierter Kinder oder Jugendlicher.
ByteDance wurde am 24. August 2026 über die Sanktion informiert. Von diesem Zeitpunkt an lief eine Frist von zehn Werktagen für einen möglichen Einspruch beim Verwaltungsrat der ANPD. Ob ein solcher Einspruch eingelegt wurde, lässt sich aus den vorliegenden Angaben nicht ableiten.
Was jetzt zählt
Die Entscheidung zeigt, wie Datenschutzaufsicht über eine reine Geldstrafe hinausgehen kann. Die ANPD verbindet die Sanktion mit Vorgaben für Standard-Einstellungen, elterliche Kontrolle, Datensparsamkeit und die Funktionen des offenen Feeds. Das ist praktisch greifbarer als eine allgemeine Verpflichtung, „mehr für den Datenschutz zu tun“.
Für Nutzer in Deutschland, Österreich und der Schweiz folgt daraus keine unmittelbare Änderung der TikTok-Funktionen: Die beschriebenen Maßnahmen beziehen sich auf Brasilien. Als regulatorisches Signal ist der Fall trotzdem bemerkenswert. Plattformen müssen Minderjährigenschutz nicht nur in ihren Kontobedingungen versprechen, sondern in Zugang, Standardeinstellungen und Datenverarbeitung technisch abbilden.
Der Kern des Falls: Brasilien hat ByteDance nicht nur wegen einzelner Inhalte sanktioniert, sondern wegen der Art, wie TikTok Minderjährige über registrierte und nicht registrierte Zugänge erreichen und ihre Daten verarbeiten konnte. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Produktdesign und Datenschutz setzt der Maßnahmenplan an.