Bloomberg Law berichtete am 22. Oktober 2026 über Bedenken von Kanzleivertretern nach einem Treffen mit Anthropic im August in Nashville. Fünf anonym befragte Teilnehmer kritisierten unter anderem Verhandlungen über Datenschutzbedingungen, den möglichen Zugriff auf E-Mails und die Unterstützung bei der Einführung von Claude.
Welche Bedenken Kanzleivertreter äußerten
Nach Darstellung der Teilnehmer wollte Anthropic bestimmte Datenschutz- und Sicherheitsbedingungen nur bei einem Mindestbudget verhandeln. Einige Kanzleivertreter sorgten sich außerdem darum, Claude Zugriff auf E-Mails zu geben. Bei der Einführung hätten sie sich weitgehend selbst um die Schulung ihrer Anwälte kümmern müssen.
Die Kritik richtete sich auch auf die Frage, wie gut ein allgemeiner KI-Dienst in bestehende juristische Arbeitsabläufe und Sicherheitskonzepte passt. Sie steht neben einem konkreten Einsatz: Bei Ogletree Deakins lief nach Angaben des Chief Data and AI Officer Timothy Fox seit Februar 2026 ein Claude-Pilot.
Training, Aufbewahrung und Sicherheitsprüfungen sind getrennte Fragen
Anthropic erklärt, kommerzielle Kundeninhalte aus Claude for Work, Claude Platform und der API würden standardmäßig nicht zum Training seiner Modelle verwendet. Das sagt für sich genommen nichts über die Speicherdauer oder die Sicherheitsprüfung aus.
Für Claude for Work können Administratoren laut Anthropic eine organisationsweite Aufbewahrungsfrist festlegen. Für API-Kunden gilt dem Unternehmen zufolge eine reguläre Aufbewahrung von 30 Tagen; Zero Data Retention (ZDR), also keine Datenspeicherung, ist nur für bestimmte Endpunkte und Modelle verfügbar. Anthropic gibt außerdem an, Prompts und Antworten seiner leistungsfähigsten Modelle 30 Tage zur Sicherheitsüberwachung aufzubewahren.
Nach Anthropics Richtlinie können menschliche Prüfer auf Inhalte zugreifen, die automatisierte Sicherheitssysteme markiert haben. Für Kunden mit Access Transparency werden solche Zugriffe laut Unternehmen protokolliert. Anthropic vertritt die Auffassung, seine kommerziellen Angebote ließen sich so konfigurieren, dass Vertraulichkeit und Anwaltsprivileg gewahrt bleiben. Die passende Konfiguration hänge von Rechtsordnung, Mandant und Mandat ab; die Unternehmensseite sei keine Rechtsberatung.
E-Mail lesen, ohne Nachrichten zu senden
Verantwortliche für Team- und Enterprise-Konten können laut Anthropic Connector-Aktionen einschränken. So lassen sich etwa die Suche in E-Mails und Zusammenfassungen erlauben, während das Versenden von Nachrichten gesperrt bleibt. Die Verbindung übernimmt dabei die bestehenden Berechtigungen des jeweiligen Nutzers im E-Mail-System.
Auch der verbundene Dienst ist für Kanzleien relevant: Anthropic zufolge verarbeitet ein Drittanbieter Daten auf seiner eigenen Infrastruktur und nach seinen eigenen Bedingungen. Die Verarbeitung kann außerhalb der USA stattfinden. Eine Beschränkung auf Lesezugriff legt daher nicht fest, welche Bedingungen für die Datenverarbeitung beim verbundenen Anbieter gelten.
Welche Rechtswerkzeuge Anthropic anbietet
Anthropic beschreibt mehr als 20 MCP-Connectoren und 12 Plugins für verschiedene Rechtsgebiete. Administratoren in Unternehmen können die Plugins aktivieren; Kanzleien können sie mit eigenen Playbooks anpassen. Die Produktbeschreibung nennt unter anderem Verbindungen zu Rechtsrecherche-, Dokumentenverwaltungs- und E-Discovery-Systemen.
Was der Pilot bei Ogletree Deakins aussagt
Fox beschrieb den Einsatz bei Ogletree Deakins als erfolgreich und nannte große Datensätze und Prototypen als geeignete Aufgaben. Zugleich sagte er, Claude sei nicht speziell für juristische Arbeit entwickelt worden und seine Unternehmenssicherheit sei nicht auf die Bedürfnisse einer Rechtsplattform zugeschnitten. Das ist die Einschätzung eines Kanzleivertreters zu einem einzelnen Pilotprojekt.
Auch der Schulungsbedarf spielte in den Berichten eine Rolle. Kanzleien hätten Anthropic im Vergleich zu spezialisierten Anbietern als weniger präsent bei Schulungen und sofort einsetzbaren Werkzeugen erlebt. Alex Finkel von Offit Kurman verwies besonders auf kleinere Kanzleien, die vorgefertigte Arbeitsabläufe, Schulungen und KI-Fachwissen benötigen.
Interesse bedeutet noch keine vollständige Einführung
Bloomberg Law schrieb die Adoptionszahlen einer Umfrage der International Legal Technology Association zu: 44 Prozent der befragten Kanzleien nutzten Claude oder prüften den Einsatz. Innerhalb dieser Gruppe hatten 7 Prozent Claude vollständig für ihre Anwälte eingeführt.