Die Antwort lautet: Ja, ein Fruchtfliegengehirn wurde kartiert – allerdings in zwei unterschiedlichen Projekten. Das 2024 veröffentlichte FlyWire-Connectom erfasst das Gehirn einer erwachsenen Fruchtfliege. MaleCNS v1.0 bildet laut Google Research das Gehirn und den ventralen Nervenstrang eines erwachsenen männlichen Tiers ab. Und die später gemeldeten Experimente mit Doom und Super Mario 64? Sie verwenden ein digitales Modell dieser Verdrahtung, keine lebende Fliege.

Die Karte des männlichen Fliegen-Zentralnervensystems

Google Research meldet Karte des Fliegengehirns – und digitale Doom-Demos
3D-Animation der Zelltypen im Zentralnervensystem einer männlichen Fruchtfliege

Google Research berichtete am 3. September 2026 über MaleCNS v1.0. Das Projekt beschreibt eine Rekonstruktion des Gehirns und des ventralen Nervenstrangs – also der Nervenbahn, die sich vom Gehirn durch den Körper erstreckt – einer erwachsenen männlichen Drosophila melanogaster.

Die Größenordnung ist für ein Tier mit einem Gehirn etwa in der Größe eines Sandkorns bemerkenswert: In den Projektangaben ist von mehr als 166.000 rekonstruierten Neuronen und ungefähr 11.691 Zelltypen die Rede. Die Rekonstruktion entstand, indem Millionen zweidimensionaler Aufnahmen zu dreidimensionalen neuronalen Strukturen zusammengesetzt wurden. Computergestützte und KI-gestützte Verfahren halfen dabei; anschließend wurden die Strukturen von Menschen analysiert und klassifiziert.

Die Visualisierung macht die räumliche Aufteilung des kartierten Systems sichtbar. Sie zeigt jedoch keine laufende Hirnaktivität und beweist weder Lernen noch Bewusstsein.

Was ein Connectom zeigt – und was nicht

Ein Connectom ist eine strukturelle Karte: Es rekonstruiert Nervenzellen und die Synapsen, über die sie miteinander verbunden sind. Man kann es sich wie einen extrem detaillierten Stadtplan vorstellen. Der Plan zeigt Straßen, Kreuzungen und Verbindungen – aber nicht automatisch, wohin sich jedes Fahrzeug in diesem Moment bewegt.

Genau diese Grenze ist wichtig. Ein Connectom ist keine direkte Aufzeichnung der dynamischen Aktivität eines lebenden Gehirns. Es kann zeigen, welche Schaltkreise miteinander verbunden sind, und dadurch Hypothesen über ihre Funktion eingrenzen. Es erklärt aber nicht allein, wie sich Aktivität im Zeitverlauf verändert, und es ist kein Nachweis für Bewusstsein oder Empfindungsfähigkeit.

MaleCNS und FlyWire sind nicht dasselbe

Die beiden Karten beschreiben unterschiedliche biologische Ausschnitte. FlyWire konzentrierte sich auf das Gehirn einer erwachsenen Fruchtfliege. MaleCNS v1.0 umfasst laut Projektangaben das Gehirn eines erwachsenen männlichen Tiers plus den ventralen Nervenstrang. Ihre Zahlen sollten deshalb nicht als Messwerte desselben Exemplars oder derselben Veröffentlichung gelesen werden.

ProjektKartierter GegenstandGemeldete GrößenordnungWas die Karte ermöglicht
FlyWireGehirn einer erwachsenen FruchtfliegeFast 140.000 Neuronen, mehr als 50 Millionen Synapsen und mehr als 8.400 annotierte ZelltypenHirnweite Analysen von Schaltkreisen, Sinneswegen und motorischen Verbindungen
MaleCNS v1.0Gehirn und ventraler Nervenstrang einer erwachsenen männlichen FruchtfliegeMehr als 166.000 rekonstruierte Neuronen und etwa 11.691 ZelltypenAnalyse des männlichen Zentralnervensystems und Vergleiche geschlechtsabhängiger Verdrahtung

Beim FlyWire-Connectom wurden außerdem rund 149 Meter rekonstruierte Verdrahtung in dem winzigen Gehirn beschrieben. Etwa 85 Prozent der dort erfassten Neuronen sind dem Gehirn selbst zugeordnet und verbinden sich ausschließlich mit anderen Gehirnneuronen. Das zeigt, warum ein vollständiger Schaltplan mehr ist als eine beeindruckende bunte 3D-Grafik: Er macht die Untersuchung einzelner Wege im Zusammenhang möglich.

Doom und Super Mario 64 laufen durch ein digitales Modell

Am 6. September 2026 wurde ein Doom-Experiment mit dem digitalen Connectom-Modell gemeldet; am 7. September 2026 folgte eine entsprechende Demonstration mit Super Mario 64. Die entscheidende Übersetzung lautet: Nicht eine lebende Fliege spielte die Spiele. Ein Softwaremodell erhielt Bilddaten als simulierte Reize und leitete die daraus berechnete Aktivität in Spielsteuerung um.

Für die Doom-Demo wird zudem ein Verstärkungsmechanismus beschrieben: Nach einem Treffer stimuliert das Modell zwei PPL101-Dopaminzellen. Das ist eine Beschreibung des programmierten beziehungsweise simulierten Ablaufs – kein Beleg dafür, dass das Modell erfolgreich gelernt hat oder sich wie ein biologisches Tier verhält.

Damit wird aus dem Connectom ein ungewöhnliches Testbett für Computational Neuroscience. Die Karte liefert die Struktur; die Software koppelt diese Struktur an eine künstliche Umgebung. Das ist spannend, aber der Abstand zwischen „ein Modell erzeugt Steuersignale“ und „ein Gehirn versteht ein Spiel“ bleibt gewaltig.

Der wissenschaftliche Nutzen jenseits des Showeffekts

Der eigentliche Wert liegt nicht darin, dass irgendwo ein digitaler Doom-Marine herumläuft. Die Karten helfen Forschenden, den Weg von Sinneseingängen durch identifizierte neuronale Schaltkreise bis zu motorischen Ausgängen zu verfolgen.

Das FlyWire-Connectom wurde bereits genutzt, um Schaltkreise für visuelle Orientierung, Geschmack und das Anhalten von Bewegungen zu untersuchen. MaleCNS erweitert den Blick außerdem auf geschlechtsabhängige Verdrahtung: Bestimmte Neuronen können in beiden Geschlechtern vorkommen, sich aber mit unterschiedlichen Nachbarzellen verbinden.

Besonders interessant ist dabei der ventrale Nervenstrang. Er verhindert, dass man MaleCNS bloß als weitere Gehirngrafik betrachtet. Das Projekt beschreibt ein Zentralnervensystem, in dem Gehirn und nachgeschaltete Nervenbahn gemeinsam untersucht werden können.

Wer selbst in die Neuroanatomie von Drosophila eintauchen möchte, findet mit Virtual Fly Brain eine durchsuchbare Ressource für Anatomie, Bilddaten, Konnektivität und 3D-Ansichten. Für die Forschung wird aus der bunten Darstellung so ein navigierbarer Datensatz.

Was die Game-Demos nicht beweisen

Die Experimente zeigen keine physische Verbindung zwischen Nervenzellen und einem Computer. Sie zeigen auch nicht, dass eine Fliege Doom oder Super Mario 64 bewusst erlebt. Die berichteten Abläufe spielen sich in Software ab: simulierte Reize hinein, berechnete neuronale Aktivität durch das Modell, Steuersignale hinaus.

Ebenso folgt aus der Verdrahtungskarte nicht automatisch eine vollständige funktionale Erklärung des Gehirns. Ein Connectom kann verraten, wie Zellen strukturell verbunden sind. Für die Frage, was sie in einem lebenden, sich verändernden Nervensystem tatsächlich tun, braucht es zusätzliche funktionelle Untersuchungen.

Der nüchterne Schluss ist deshalb der interessanteste: MaleCNS v1.0 macht das männliche Fliegen-Zentralnervensystem als digitale Struktur untersuchbar. Die Game-Demos zeigen, dass sich diese Struktur an Software-Umgebungen koppeln lässt. Mehr ist daraus nicht automatisch abzuleiten – aber weniger wäre der wissenschaftlichen Leistung ebenfalls nicht gerecht.