Anthropic beschreibt in einem am 10. September 2026 veröffentlichten Bedrohungsbericht mutmaßlich schädliche Einsätze von Claude in sieben Bereichen. Die Aktivitäten reichen von biologischer Forschung und Einflussoperationen bis zu Cyberangriffen, Überwachung, Waffenentwicklung und groß angelegter Modelldestillation. Der von Anthropic beschriebene Zeitraum reicht von Dezember 2025 bis August 2026.
Anthropic beschreibt sieben Bereiche des Claude-Missbrauchs
Anthropic nennt Cyberoperationen, Einflussoperationen, Überwachung, Betrug und Scams, biologische Risiken, die Entwicklung konventioneller Waffen sowie Modelldestillation. Das Unternehmen erklärt, die beschriebenen Aktivitäten identifiziert und unterbunden zu haben, Schutzmaßnahmen verstärkt und Informationen gegebenenfalls mit Behörden und Partnern geteilt zu haben.
Die Fälle stammen aus unterschiedlichen Regionen. Anthropic nennt unter anderem Russland, Iran, die Türkei, die Golfregion, Südasien, Afrika und Europa bei den Einflussoperationen. Die Kampagnen zielten demnach auf Zielgruppen auf sechs Kontinenten.
Biologie, Desinformation und Cyberangriffe
Anthropic führt fünf biologische Fallstudien an. Dazu gehört eine Anfrage vom Mai 2026, mit Claude einen Förderantrag zur Gain-of-Function-Forschung am Chikungunya-Virus zu formulieren. Weitere Fälle betreffen Forschung an hochpathogener, an Säugetiere angepasster aviärer Influenza, einen Antrag zur Orthopoxvirus-Forschung sowie zwei Vorgänge zu nicht übertragbaren Giften und Toxinen.
Bei den neun beschriebenen Einflussoperationen kamen laut Anthropic unter anderem gefälschte Profile, erfundene Biografien, nachgeahmte Nachrichtenseiten, politische Dossiers und automatisierte Inhalte zum Einsatz. Eine interne Nachricht aus einem solchen Netzwerk lautete: „no one knows the news is fake.“
Die Cyberoperationen umfassten laut Anthropic mehrere Phasen: Aufklärung, Phishing, Ausnutzung von Schwachstellen, das Abgreifen von Zugangsdaten, laterale Bewegungen innerhalb von Netzwerken, Datenverarbeitung und Exfiltration. In einigen Fällen wurden demnach Multi-Agenten-Systeme eingesetzt, während Menschen Ziele vorgaben und abgegriffene Daten prüften.
Militärische Projekte und Überwachung
Anthropic beschreibt ein chinesisch verknüpftes Anti-Torpedo-Projekt, bei dem Claude bei einer chinesischsprachigen Spezifikation geholfen haben soll. Der technische Vorschlag umfasste demnach mehr als 200 Seiten. Ein weiteres Projekt betraf etwa 16 Module für elektronische Kriegsführung und die Unterdrückung gegnerischer Luftabwehr.
Ein anderer Fall betrifft laut Anthropic die Verfolgung, Profilierung und versuchte Rekrutierung von Uiguren sowie uigurischen bewaffneten Gruppierungen in Syrien. Claude wurde dabei zur Analyse und Übersetzung von Material eingesetzt. Die Datensammlung selbst wird als Tätigkeit externer Infrastruktur beschrieben; Claude war in diesem Ablauf das Analysewerkzeug.
Modelldestillation ist nicht automatisch ein Diebstahl von Modellgewichten
Bei der Modelldestillation lernt ein kleineres oder spezialisiertes Modell aus den Antworten eines größeren „Lehrermodells“. Diese Methode kann eine legitime Trainingspraxis sein. Anthropics Vorwurf richtet sich in den beschriebenen Fällen gegen die mutmaßlich verdeckte oder richtlinienwidrige Beschaffung großer Mengen von Claude-Ausgaben.
Anthropic ordnet sieben chinesischen Laboren zusätzliche Kampagnen zur Modelldestillation zu. In der Berichterstattung über den Vorgang werden unter anderem mehr als 151 Millionen Claude-Austausche genannt, die Alibaba-verknüpften Betreibern zwischen Mai und Juli 2026 zugeschrieben werden. Für DeepSeek werden mehr als 12,1 Millionen Austausche über 14 Tage im Juli 2026 genannt, für Xiaomi mehr als 400.000 Austausche über 20 Tage im März und April 2026.
Solche Abfragen liefern Trainingsmaterial aus den Antworten eines Modells. Sie sind deshalb nicht gleichbedeutend mit der Übertragung seines Quellcodes oder seiner Modellgewichte. Die Größenordnung der beschriebenen Abfragen macht jedoch deutlich, warum Anthropic Modelldestillation als Sicherheitsproblem einordnet.
Welche Zuordnung Anthropic vornimmt
Anthropic beschreibt China-verknüpfte militärische und nachrichtendienstliche Aktivitäten, ordnet diese Verbindungen aber über Konten, Inhalte und Metadaten zu. Eine direkte Nutzung von Claude durch die Volksbefreiungsarmee, deren Marine oder die PLA Academy of Military Sciences ist damit nicht belegt.
Die beschriebenen Fälle betreffen Claude Haiku, Sonnet und Opus. Anthropic zufolge waren Claude Fable und Mythos in keinem Missbrauchsfall beteiligt, abgesehen von einem Fall im Zusammenhang mit Modelldestillation.