Anthropic erklärte am 19. Mai 2026, dass Gespräche mit Fachleuten aus mehr als 15 religiösen und interkulturellen Gruppen in die Entwicklung von Claude einfließen könnten. Das Unternehmen berichtete außerdem von einem Experiment, in dem Claude während einer Aufgabe einen kurzen Hinweis auf seine ethischen Verpflichtungen abrufen konnte. Fachleute warnen zugleich davor, unterschiedliche religiöse Traditionen auf gemeinsame Regeln zu reduzieren.

Was Anthropic mit den Dialogen erreichen will

Anthropic zufolge könnten die Gespräche die Verfassung von Claude, die Werte, die das Modell verkörpern soll, und die Auswahl seiner Prüfungen beeinflussen. Das Unternehmen erklärte, es wolle Erkenntnisse aus religiösen, säkularen und politischen Perspektiven einbeziehen, statt Claude an einer einzelnen Weltanschauung auszurichten. Die Zahl von mehr als 15 Gruppen stammt von Anthropic.

Die Philosophin Meghan Sullivan nahm im Laufe des Jahres 2026 an einem Treffen teil. Laut Associated Press beschrieb sie einen Ablauf in zwei Teilen: Zunächst erklärte das Unternehmen seine Modelle in allgemein verständlicher Sprache, danach folgten Rückmeldungen und eine Diskussion. Sullivan hatte an einem Treffen mit Christen verschiedener Konfessionen teilgenommen.

Was Anthropic über den ethischen Hinweis berichtet

Bei einem Experiment, das aus einem Gespräch mit Fachleuten für Neurowissenschaften und Charakterbildung hervorging, konnte Claude während einer Aufgabe ein Werkzeug aufrufen. Dieses gab dem Modell eine kurze Erinnerung an seine ethischen Verpflichtungen. Anthropic zufolge nutzte Claude den Hinweis vor folgenreichen Handlungen.

Das Unternehmen berichtet, dass bei mehreren internen Prüfungen deutlich seltener nicht zielkonformes Verhalten auftrat, also Verhalten, das den vorgesehenen Vorgaben zuwiderläuft. Anthropic hat nach eigenen Angaben noch nicht getrennt, welchen Anteil die Erinnerung daran hatte und welchen die Pause zum Nachdenken.

Warum Religion nicht einfach ein Regelwerk ist

Der Anthropologe Webb Keane warnte laut Associated Press davor, Religion als Sammlung übertragbarer Regeln zu behandeln. Religiöse Traditionen sind auch durch gelebte Praxis, Rituale, Kultur, Politik und Beziehungen geprägt. Wer daraus allgemeine moralische Regeln herauslöst, kann laut Keane schriftorientierte Traditionen bevorzugen und andere verzerren.

Der Rechtswissenschaftler Paolo Carozza äußerte die Sorge, dass das Zusammenführen unterschiedlicher Ideen die Eigenheiten einzelner Traditionen einebnen könnte. Anthropic beschreibt sein Ziel als breite Beteiligung verschiedener Sichtweisen; Keane und Carozza lenken den Blick darauf, was beim Übertragen und Zusammenfassen verloren gehen kann.

Ein konkretes Beispiel aus religiöser Lehre

D6 Family Ministry beschreibt eine von KI erzeugte Erklärung der Dreifaltigkeit, die Gott mit einem Gerät vergleicht, das verschiedene Formen annimmt. Der Beitrag ordnet diese Analogie als modalistisch und theologisch fehlerhaft ein. Für Gemeinden, die KI beim Entwurf von Predigten oder theologischen Inhalten nutzen, ist das ein konkreter Grund, generierte Erklärungen vor der Verwendung fachkundig prüfen zu lassen.

Einen weiteren Blick auf die praktischen Folgen bietet Jason Thacker in einem Beitrag für Houston Christian University vom 17. Januar 2023. Sein christlicher Ansatz bezieht Menschenwürde auf Automatisierung und Arbeit sowie auf Datenerhebung, Privatsphäre, Einwilligung und möglichen Datenmissbrauch.