El Nacional berichtete am 21. Oktober unter Berufung auf The Wall Street Journal und EFE, ein Entwurf des Anthropic-Börsenprospekts weise für das erste Halbjahr 2026 einen Nettoverlust von 80,7 Milliarden US-Dollar aus. Darin enthalten seien 72 Milliarden US-Dollar aus der Neubewertung von Finanzierungsinstrumenten. Dieser Buchungseffekt ist nicht gleichbedeutend mit einer ebenso hohen Ausgabe für den laufenden Betrieb.

Die gemeldeten Zahlen für das erste Halbjahr 2026

KennzahlZeitraumBetragEinordnung
UmsatzErstes Halbjahr 202616,3 Milliarden US-DollarIm ersten Halbjahr 2025 waren es laut El Nacional 1,1 Milliarden US-Dollar.
NettoverlustErstes Halbjahr 202680,7 Milliarden US-DollarVon El Nacional und Calcalist einem Entwurf des Börsenprospekts zugeschrieben.
Neubewertung von FinanzierungsinstrumentenErstes Halbjahr 202672 Milliarden US-DollarIm gemeldeten Nettoverlust enthalten.

El Nacional zufolge gab Anthropic im ersten Halbjahr 2026 knapp 9 Milliarden US-Dollar für Rechenkapazität und Infrastruktur aus. Im gleichen Zeitraum 2025 waren es 2,3 Milliarden US-Dollar. Die berichteten Umsätze und Infrastrukturkosten stiegen damit beide stark; die Zahlen beziehen sich jedoch auf unterschiedliche Kennzahlen und beschreiben für sich genommen weder den operativen Geldfluss noch die Profitabilität.

Was hinter dem 72-Milliarden-Dollar-Posten steckt

Calcalist zufolge hängt der Posten mit Wandelanleihen zusammen, die später in Anthropic-Aktien umgewandelt werden können. Die Neubewertung solcher Finanzierungsinstrumente kann den ausgewiesenen Nettoverlust erhöhen, ohne dass derselbe Betrag als laufender Betriebsaufwand anfällt. Für die Einordnung der 80,7 Milliarden Dollar ist deshalb entscheidend, dass die 72 Milliarden darin bereits enthalten sind.

Infrastrukturzusagen mit unterschiedlichen Summen

El Nacional bezifferte Anthropics Cloud-Zusagen auf rund 450 Milliarden US-Dollar über sieben bis zehn Jahre. In der dazu genannten Aufstellung entfallen 111 Milliarden auf Google, 110 Milliarden auf Amazon Web Services und 31 Milliarden auf Microsoft. Hinzu kommen bis zu 86 Milliarden US-Dollar für die Miete von Nvidia-Chips über Nscale und Lambda sowie 160 Milliarden US-Dollar für Google-Chips im Rahmen einer Vereinbarung mit Broadcom.

Diese fünf Einzelbeträge ergeben rechnerisch 498 Milliarden US-Dollar. El Nacional nannte zugleich rund 450 Milliarden als Gesamtwert der Cloud-Zusagen. Calcalist berichtete separat von mindestens 518 Milliarden US-Dollar über zehn Jahre für eine breiter gefasste Kategorie aus Cloud-Diensten, Rechenleistung und Infrastruktur. El Nacional bezifferte künftige Infrastrukturkosten außerdem auf mehr als 600 Milliarden US-Dollar. Die Angaben beziehen sich auf unterschiedlich beschriebene Kategorien.

Was eine Umsatz-Annualisierung über die Bewertung aussagt

Calcalist berichtete, Anthropic habe im dritten Quartal 2026 einen Umsatz von 16,8 Milliarden US-Dollar erzielt, 45 Prozent mehr als im Vorquartal. Derselbe Bericht nannte eine Bewertung von rund 1,5 Billionen US-Dollar, die einige Investoren in Betracht zögen.

Als Rechenbeispiel: Wiederholte sich der Quartalsumsatz von 16,8 Milliarden US-Dollar vier Quartale lang unverändert, ergäbe das ein annualisiertes Umsatztempo von 67,2 Milliarden US-Dollar. Geteilt durch dieses Tempo entspricht die Bewertung von 1,5 Billionen rund dem 22,3-Fachen. Das ist eine bedingte Rechenillustration, keine gemeldete Bewertungskennzahl und keine Prognose.

Anthropic teilte am 1. Juni 2026 mit, vertraulich einen Entwurf des Form S-1 bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht zu haben. Die frühere NeoTeo-Berichterstattung zum vertraulichen S-1 und zur damals genannten Bewertungserwartung ordnete diesen Schritt bereits ein.

Kundenkonzentration und Zugang zu Rechenkapazität

El Nacional zufolge stammte rund ein Fünftel von Anthropics Umsatz im ersten Halbjahr 2026 von zwei Kunden. Der Bericht beschrieb außerdem den Zugang zu Rechenkapazität als einen der Risikofaktoren im Prospektentwurf. Beides ist für die Geschäftsaussichten relevant: Ein großer Umsatzanteil von wenigen Kunden bindet einen Teil der Einnahmen an diese Abnehmer, während der Ausbau von KI-Angeboten auf verfügbare Rechenleistung angewiesen ist.