Eine fast kreisrunde Öffnung im linken Schulterblatt von Shanidar A ist mit einer Verletzung durch eine runde hölzerne Speerspitze vereinbar. Die Knochenbefunde stützen diese Deutung, legen aber nicht fest, ob die Verletzung bei einem Angriff oder einem Jagdunfall entstand. Die Studie in Scientific Reports beschreibt die Merkmale im Detail.

Was Shanidar As Schulterblatt zeigt

Die Öffnung ist etwa 15 Millimeter groß und von mindestens drei radialen Brüchen umgeben. Bei einer Mikro-Computertomografie – einer Röntgenuntersuchung, die das Innere eines Objekts in Schichten erfasst – fanden die Forschenden mindestens vier Knochenfragmente von jeweils mindestens 4 Millimetern Länge im Sediment unterhalb der Öffnung. Eines davon lässt sich dem Loch zuordnen.

Um die Öffnung fanden sich weder Knochenumbau noch Anzeichen einer Heilung. Die Forschenden halten deshalb eine Verletzung kurz vor oder nach dem Tod für möglich und eine Verletzung nahe dem Todeszeitpunkt für am wahrscheinlichsten. Nach ihrer Einschätzung drang die Wunde in den Brustraum ein und dürfte rasch zum Tod geführt haben.

Warum eine hölzerne Speerspitze infrage kommt

Die Öffnung ist nahezu kreisrund. Diese Form passt zu einer Speerspitze mit rundem Querschnitt aus Holz; bei steinernen Spitzen wären eher ovale oder rautenförmige Verletzungen zu erwarten. Auch die Brüche und das zuordenbare Fragment gehören zu den Merkmalen, die die Interpretation als eindringende Verletzung stützen. Eine Waffe wurde bei Shanidar A nicht gefunden: Die hölzerne Speerspitze ist eine Deutung der Knochenform, kein geborgener Gegenstand.

Die Abschrägung an der Rückseite des Lochs spricht für einen Verlauf von der Bauch- zur Rückenseite. Die Lage der verschobenen Fragmente deutet außerdem darauf hin, dass der Gegenstand von der Körpermitte her und aus einer höheren Position eindrang. Ob die Speerspitze geworfen oder gestoßen wurde, lässt sich daraus nicht ableiten.

Was über den Hergang bekannt ist

Die Knochen verraten nicht, ob die Verletzung durch zwischenmenschliche Gewalt oder einen Jagdunfall entstand. Die Studie hält beide Möglichkeiten offen; eine Gewalttat lässt sich damit nicht belegen.

Der Zahn zeigt eine frühere Verletzung

Englischsprachiges Gespräch der University of Cambridge mit Emma Pomeroy über Shanidar A.

Shanidar A hatte auch eine schwere Gesichtsverletzung: Ein unterer Schneidezahn war längs gespalten. Zahnstein auf den freiliegenden Flächen und weitere Abnutzung zeigen, dass der Zahn nach der Verletzung noch eine Zeit lang im Mund blieb und benutzt wurde. Die Forschenden sehen darin einen Hinweis darauf, dass Shanidar A die Verletzung überlebte; Hilfe durch andere Gruppenmitglieder halten sie für möglich, weisen sie aber nicht als beobachtete Handlung nach.