Am 5. September 2026 hat Isar Aerospace mit der zweistufigen Rakete Spectrum beim zweiten Flug den Orbit erreicht. Die Mission „Onward and Upward“ startete um 22:12 Uhr MESZ von Andøya Space in Nordnorwegen und setzte fünf CubeSats sowie ein nicht abtrennbares Technologieexperiment aus. Damit gelang Isar Aerospace erstmals ein erfolgreicher Orbitflug mit Nutzlast.

Isar Aerospace bringt Spectrum beim zweiten Flug in den Orbit

Die Mission lässt sich präzise als Erfolg eines vollständig kommerziellen europäischen Trägers beim Erreichen des Orbits einordnen. Sie war jedoch nicht Europas erster Raketenstart und sagt allein noch nichts über regelmäßige Starts, Preise oder wirtschaftliche Tragfähigkeit aus.

Warum dieser Start wichtig ist

Für Europa bedeutet der Flug eine weitere privat entwickelte Möglichkeit, Satelliten in den Orbit zu bringen. Isar Aerospace hat dabei nicht nur die Rakete gestartet, sondern auch Nutzlasten in den vorgesehenen Flug gebracht. Genau diese Kombination unterscheidet einen erfolgreichen Orbitalflug von einem bloßen Startversuch.

An Bord waren die CubeSats CyBEEsat, TriSat-S, Platform 6, FramSat-1 und SpaceTeamSat1. Hinzu kam das nicht abtrennbare Technologieexperiment „Let It Go“ von Dcubed. Isar Aerospace teilte am 9. September mit, dass alle Nutzlasten ausgesetzt worden seien und die meisten Satelliten Kontakt hergestellt sowie den Betrieb aufgenommen hätten. Daraus folgt nicht, dass bereits jede einzelne Nutzlast ihre Mission vollständig abgeschlossen hat.

Der Nutzen des Erfolgs liegt deshalb zunächst in der nachgewiesenen Fähigkeit, Spectrum von der eigenen Infrastruktur aus in den Orbit zu bringen. Ob daraus ein verlässlicher kommerzieller Dienst mit planbarer Taktung wird, müssen weitere Flüge zeigen.

Vom abgebrochenen Erstflug zum Orbit

Offizieller Missionsfilm „Onward and Upward“ von Isar Aerospace

Der Weg zum Erfolg verlief nicht ohne Rückschläge:

DatumEreignisMission oder Unternehmen
2018Isar Aerospace wurde gegründet.Isar Aerospace
30. März 2025Der erste Spectrum-Testflug endete etwa 30 Sekunden nach dem Start nach einem Abbruchbefehl und einem unmotorisierten Absturz ins Meer.Spectrum
2025Isar Aerospace führte die Ursache auf das unbeabsichtigte Öffnen eines Entlüftungsventils und den Verlust der Lageregelung während des Rollmanövers zurück.Spectrum-Erstflug
22. Dezember 2025Beide Raketenstufen absolvierten integrierte 30-Sekunden-Tests mit stationärem Triebwerksbetrieb.Spectrum
Januar bis Juni 2026Weitere Startversuche oder Zieltermine verschoben sich unter anderem wegen Ventil- und Drucksystemproblemen, Wetters, eines nicht autorisierten Schiffs im Sperrgebiet und eines Lecks in einem Druckbehälter.Zweite Startkampagne
5. September 2026„Onward and Upward“ erreichte den Orbit und setzte sechs Nutzlasten aus.Spectrum, zweiter Flug

Der offizielle Missionsfilm zeigt die Vorbereitungen in Andøya Space, den Countdown, die Zündung und den Abflug. Er vermittelt außerdem, wie die zweistufige Rakete aufgebaut ist und dass die erste Stufe über neun Triebwerke verfügt.

Die technischen Eckdaten von Spectrum

Spectrum ist kein einzelnes Triebwerk, sondern ein zweistufiges Orbitalfahrzeug. Die erste Stufe verwendet neun hauseigene Triebwerke, die zweite ein Triebwerk. Als Treibstoffe nennt Isar Aerospace flüssigen Sauerstoff und Propan.

MerkmalSpectrum-WertGeltungsbereich
Höhe28 mAngabe von Isar Aerospace
Durchmesser2 mAngabe von Isar Aerospace
Stufen2Zweistufiges Orbitalfahrzeug
Triebwerke der ersten Stufe9Fahrzeugarchitektur
Triebwerke der zweiten Stufe1Fahrzeugarchitektur
TreibstoffeFlüssiger Sauerstoff und PropanBeschreibung von Isar Aerospace
Nutzlast in eine niedrige Erdumlaufbahn (LEO)Bis zu 1.000 kgAngegebene maximale Kapazität
Nutzlast in eine sonnensynchrone Umlaufbahn (SSO)Bis zu 700 kgAngegebene maximale Kapazität

Die beiden Nutzlastgrenzen beschreiben die von Isar Aerospace angegebenen Fähigkeiten des Fahrzeugs. Sie entsprechen nicht automatisch der Masse des Nutzlastpakets von „Onward and Upward“.

Warum Astroscale auf einen dedizierten Start setzt

Ein Satellit muss nicht nur „irgendwie“ ins All gelangen. Entscheidend können die Zielumlaufbahn, die Nutzlastmasse, der Zeitplan, das Budget und die spätere Flugbahn sein. Bei einem dedizierten Start erhält ein Kunde die Rakete im Wesentlichen für seine eigene Mission. Bei einem Mitflug, dem sogenannten Rideshare, werden mehrere Nutzlasten gemeinsam gestartet – oft günstiger oder effizienter, aber mit weniger Kontrolle über den genauen Ablauf.

Astroscale hat vor dem erfolgreichen Spectrum-Flug zwei Verträge für dedizierte Missionen mit Isar Aerospace abgeschlossen. Für Satellitenwartung und Rendezvous-Manöver ist die passende Umlaufbahn besonders wichtig. Chris Blackerby, Group Chief Operating Officer von Astroscale, erklärte, ein dedizierter Start sei für die meisten Missionen des Unternehmens „ziemlich entscheidend“. Ein Rideshare sei zwar möglich, mache die Planung aber deutlich komplizierter.

Das ist der praktische Marktpunkt hinter dem Flug: Spectrum muss nicht jede größere Trägerrakete ersetzen. Es kann für Kunden interessant sein, deren Mission eine bestimmte Kombination aus Kapazität, Zielorbit und Termin verlangt.

Der nächste Prüfstein heißt Wiederholbarkeit

Isar Aerospace teilte mit, dass sich die Spectrum-Fahrzeuge 3 bis 7 bereits in Produktion befinden. Eine neue Anlage im Raum München soll perspektivisch die Fertigung von bis zu 40 Trägern pro Jahr unterstützen. Das ist eine geplante Produktionskapazität, kein Nachweis für 40 tatsächlich absolvierte Starts pro Jahr.

Auch die zwei Astroscale-Missionen zeigen vor allem, dass Kunden bereits konkrete Einsatzszenarien für dedizierte Starts verfolgen. Sie ersetzen keine Serie erfolgreicher Flüge. Für die Raumfahrtbranche zählen nun wiederholbare Abläufe, verlässliche Termine und ein Geschäftsmodell, das Kunden dauerhaft nutzen können.

Unterm Strich: Isar Aerospace hat mit Spectrum die wichtigste technische Schwelle genommen: Der Träger erreichte beim zweiten Flug den Orbit und lieferte Nutzlasten aus. Europas kommerzieller Startmarkt ist damit um eine reale Option reicher. Die entscheidende Bewährungsprobe beginnt aber erst jetzt – beim nächsten Start und bei jedem danach.