Der New Mexico Supreme Court stellte den Strafverteidiger Stephen Aarons am 9. September 2026 unter direkten Gerichtsverweis und verhängte eine Geldstrafe von 5.000 US-Dollar. Anlass war ein KI-gestützter Berufungsschriftsatz mit Aussagen von vier vollständig erfundenen Zeugen, weiteren falschen Angaben und fehlerhaften Beschreibungen realer juristischer Präzedenzfälle. Für den betroffenen Mandanten Oscar Renee Sandoval hat der Fall unmittelbare Folgen: Die bisherigen Schriftsätze wurden gestrichen, und eine neue Vertretung soll das Rechtsmittel übernehmen.

Was das Gericht entschied

Die New Mexico Supreme Court sanktionierte Stephen Aarons nicht allein, weil er ChatGPT verwendet hatte. Im Mittelpunkt stand, dass er sachliche und rechtliche Inhalte ungeprüft in einen Schriftsatz übernahm und anschließend bei Gericht einreichte.

Neben dem direkten Gerichtsverweis und der Zahlung an den State Bar of New Mexico Client Protection Fund verwies das Gericht den Fall an ein Disziplinargremium. Außerdem darf Aarons bis zum Abschluss dieses Verfahrens nicht vor dem New Mexico Supreme Court auftreten.

Die Entscheidung bedeutet nicht, dass eine endgültige berufsrechtliche Sanktion bereits feststeht. Sie enthält vielmehr eine gerichtliche Strafe und vorläufige Maßnahmen für das laufende Disziplinarverfahren.

Wie der Schriftsatz die erfundenen Aussagen enthielt

New Mexico Supreme Court sanktioniert Anwalt nach KI-Schriftsatz

Aarons erklärte, er habe ein automatisch erstelltes Transkript von Rev.com, die Verfahrensakte, die Übersicht der Rechtsfragen und Unterlagen aus dem Ermittlungsverfahren in ChatGPT eingegeben. Nach seiner Darstellung nutzte er eine ChatGPT-Version mit OpenAI o3. Diese Modellangabe beruht auf Aarons’ eigener Schilderung.

Das Ergebnis enthielt mehrere klar voneinander zu unterscheidende Fehlerkategorien:

  • Der New Mexico Supreme Court identifizierte vier vollständig erfundene Zeugen: Officer Michelle Amarillo, Officer Sanchez, Manal Al-Jibury und Teresa Marquez.
  • Der Schriftsatz enthielt außerdem falsche Aussagen, die anderen Personen zugeschrieben wurden, darunter Danny Stanton, Linda Stanton, Mariah Chavez und Teresa Marquez.
  • Reale juristische Präzedenzfälle wurden inhaltlich falsch beschrieben.

Gerade diese Mischung macht den Fall so brisant. Es ging nicht nur um frei erfundene Namen, sondern auch um Aussagen, die realen oder falsch bezeichneten Personen zugeschrieben wurden, sowie um verfälschte rechtliche Grundlagen. Ein plausibel klingender Schriftsatz kann dadurch an mehreren Stellen gleichzeitig falsch sein.

Die Folgen für Oscar Renee Sandoval

Oscar Renee Sandoval war im Februar 2025 nach einer Verurteilung wegen Mordes ersten Grades zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Stephen Aarons übernahm anschließend die Berufung und reichte im August 2025 den beanstandeten Schriftsatz ein.

Für das Rechtsmittel bedeutet die Gerichtsentscheidung einen Neustart bei der anwaltlichen Bearbeitung. Die bisherigen Schriftsätze gelten nicht mehr als Grundlage des Verfahrens, die öffentliche Verteidigung soll neue anwaltliche Vertretung bestellen. Das Verfahren soll im Term 2026–27 fortgesetzt werden.

ZeitpunktEreignisFolge für das Rechtsmittel
Februar 2025Oscar Renee Sandoval wird nach einer Verurteilung wegen Mordes ersten Grades zu lebenslanger Haft verurteilt.Die spätere Berufung betrifft ein Verfahren mit weitreichenden Folgen für den Mandanten.
August 2025Stephen Aarons reicht den KI-gestützten Berufungsschriftsatz ein.Der Schriftsatz enthält erfundene Zeugenaussagen und weitere Fehler.
9. September 2026Der New Mexico Supreme Court verhängt direkten Gerichtsverweis und eine Geldstrafe von 5.000 US-Dollar.Die bisherigen Schriftsätze werden gestrichen; neue Vertretung wird angeordnet.
Term 2026–27Das Rechtsmittel soll mit neuer anwaltlicher Vertretung fortgesetzt werden.Das Verfahren läuft unter einer neuen Vertretung weiter.

Die eigentliche Lehre: Prüfen bleibt Pflicht

Die zentrale Botschaft des Gerichts ist überraschend schlicht: Wer einen Schriftsatz unterschreibt und einreicht, trägt die Verantwortung für dessen Inhalt. Das gilt unabhängig davon, ob ein Text von ChatGPT, einem jüngeren Kollegen oder einer anderen Quelle stammt.

Damit liegt die entscheidende Grenze nicht zwischen „KI genutzt“ und „KI nicht genutzt“. Sie verläuft zwischen geprüftem und ungeprüftem Inhalt. Ein Sprachmodell kann aus Aktenmaterial eine überzeugend formulierte Zusammenfassung erzeugen und dabei dennoch Zeugen, Aussagen oder Rechtsgrundsätze miteinander vermischen. Die Oberfläche wirkt professionell; der Fehler steckt in den Details.

Für Aarons’ Fall hatte das keine rein technische Konsequenz. Die unzuverlässigen Schriftsätze wurden aus dem Verfahren entfernt, die anwaltliche Vertretung des inhaftierten Mandanten musste neu organisiert werden, und gegen den Anwalt laufen disziplinarische Schritte. Die Verantwortung blieb bei der Person, die den Inhalt bei Gericht eingereicht hatte.