Am 14. September 2026 veröffentlichte Agora Digitale Transformation eine Untersuchung zu sexualisierten Deepfake-Netzwerken, in denen mindestens 138 Frauen und neun Männer aus nationalen Parlamenten auftauchten oder erwähnt wurden. Die Frauen stammten aus 22 EU-Ländern. Untersucht wurden ungefähr 160 Domains, die mit Deepfake-Missbrauch und nicht einvernehmlichen sexuellen Inhalten verbunden waren.
Die Untersuchung erfasste 5.872 Abgeordnete aus allen 27 EU-Mitgliedstaaten. Mitglieder des Europäischen Parlaments gehörten nicht zur Gruppe. Damit geht es um nationale Parlamente – also um Politikerinnen und Politiker, die in ihren jeweiligen Ländern politische Verantwortung tragen.
Ein Forschungsbild eines größeren Missbrauchsökosystems
Die Zahlen beschreiben kein einzelnes Forum und keine einzelne Plattform. Benjamin Shultz durchsuchte eine Datenbank nationaler Abgeordneter mit maßgeschneiderten Suchmaschinen und ordnete die Treffer verschiedenen Formen des Missbrauchs zu. Er informierte betroffene Abgeordnete einzeln und gab Hinweise dazu, wie sich Inhalte entfernen lassen könnten.
Die Analyse zeigt außerdem einen Markt, der nicht nur aus einzelnen manipulierten Bildern besteht. Henry Ajder beschrieb die Plattformen als geschäftsähnlich organisiert und die technische Infrastruktur als darauf ausgelegt, solche Inhalte einfach und in größerem Umfang zu erzeugen.
Was die Untersuchung gezählt hat
Die erfassten Treffer fielen im Wesentlichen in drei Gruppen:
- Gehostete Inhalte: explizites Material war direkt auf einer Website verfügbar.
- Indexierte Überreste: Suchmaschinen verwiesen noch auf Seiten, obwohl das Material bereits entfernt worden war.
- Profile und Weiterleitungen: Seiten verbanden Biografien und Bilder mit Tools, die eine mögliche Erstellung neuer Inhalte erleichtern konnten.
Deshalb bedeutet eine Erwähnung in der Untersuchung nicht automatisch, dass zu jeder betroffenen Person ein aktuell erreichbares explizites Video online war. Die mindestens 138 Frauen und neun Männer sind Personen, die im untersuchten Ökosystem dargestellt oder in irgendeiner Form erwähnt wurden – keine Zählung einzelner Dateien.
Mindestens sechs der identifizierten Domains waren vor der Veröffentlichung bereits entfernt worden. Eine aktuelle Zahl noch erreichbarer Domains oder Darstellungen ergibt sich daraus nicht.
Warum die Geschlechterlücke politisch zählt
Benjamin Shultz berechnete für das untersuchte Netzwerk, dass Frauen in nationalen Parlamenten 33-mal häufiger betroffen waren als Männer. Dieser Wert bezieht sich auf das untersuchte Deepfake-Ökosystem und nicht auf das allgemeine Risiko aller Politikerinnen und Politiker.
Suzanne Kröger, eine niederländische Abgeordnete, ordnete sexualisierte Deepfakes als Teil eines größeren Musters aus Online-Hass und Einschüchterung gegen Frauen und Politikerinnen ein. Sarah Dobbe, ebenfalls niederländische Abgeordnete, beschrieb die Videos als Mittel, um Politiker einzuschüchtern und Frauen herabzusetzen.
Die Wirkung reicht damit über die einzelne Zielperson hinaus. Shultz warnte, dass solche Angriffe Frauen davon abhalten könnten, überhaupt ein politisches Amt anzustreben, und sie aus dem öffentlichen Leben drängen könnten. Josephine Ballon von HateAid beschrieb die Verbreitung sexualisierter Bilder als Angriff auf die politische Legitimität der Betroffenen und damit auch auf die Demokratie.
Das eingebettete Video ordnet die psychischen und politischen Folgen sexualisierter Deepfakes ein und erklärt, warum Frauen in öffentlichen Ämtern besonders häufig zum Ziel werden.
Die politische Antwort bleibt breiter als eine einzelne Regel
In der Europäischen Union gelten die Transparenzregeln des AI Act seit August 2026. Der Digital Services Act legt außerdem Transparenz- und Rechenschaftspflichten für Plattformen fest. Diese Instrumente bilden den europäischen Rahmen für den Umgang mit digitalen Diensten und KI-Inhalten.
In den USA wurde der TAKE IT DOWN Act am 19. Mai 2025 als Public Law 119-12 verabschiedet. Das Gesetz enthält ein strafrechtliches Verbot und sieht für erfasste Plattformen Pflichten zur Entfernung gemeldeter nicht einvernehmlicher intimer Inhalte vor.
Suzanne Kröger forderte neben der schnellen Entfernung solcher Bilder auch eine strenge Regulierung der Technologie. Für die Betroffenen verbindet sich damit eine unmittelbare Frage: Inhalte müssen verschwinden, während Plattformen und Gesetzgeber zugleich mit einem Ökosystem umgehen, das Material hostet, entfernte Seiten weiter auffindbar macht und den Zugang zu Erstellungstools vermittelt.