Anthropic beschreibt in einem am 10. September 2026 veröffentlichten Bericht mehrere menschlich gesteuerte Operationen, in denen Claude für Propaganda, Überwachung und Einflusskampagnen eingesetzt wurde. Der Untersuchungszeitraum reicht von Dezember 2025 bis August 2026. Claude erscheint dabei als Werkzeug für Inhalte, Softwareentwicklung, Profilbildung und Verteilung – nicht als eigenständig handelnder politischer Akteur.
Der Bericht ordnet die Fälle sieben Bereichen zu: Cyberoperationen, Einflussoperationen, Überwachung, Betrug, biologische Risiken, konventionelle Waffenentwicklung und unerlaubte Modell-Destillation. Anthropic erklärt, die identifizierten Aktivitäten gestört, Schutzmaßnahmen verschärft und gegebenenfalls Informationen mit Behörden und Unternehmen geteilt zu haben.
Was Anthropic veröffentlicht hat
Anthropic ist der Entwickler von Claude und beschreibt neun Einflussoperationen mit Ursprüngen unter anderem in Russland, Iran, der Türkei, der Golfregion, Südasien, Afrika und Europa. Die Zielgruppen lagen laut dem Unternehmen auf sechs Kontinenten. In den dokumentierten Fällen kamen Claude Haiku, Claude Sonnet und Claude Opus zum Einsatz; die genannten Vorgänge betrafen damit mehrere Modellklassen der Claude-Familie.
Entscheidend ist die Rollenverteilung: Anthropic schildert keine KI, die selbst politische Ziele festlegt oder Kampagnen eigenständig startet. Menschen gaben die Ziele und Aufgaben vor. Claude erzeugte oder überarbeitete Texte, half beim Bau von Software, analysierte Daten, erstellte Profile und Dossiers und unterstützte die technische Verteilung von Inhalten.
Claude als Werkzeug menschlicher Operationen
Das Muster ähnelt eher einer sehr schnellen Arbeitsgruppe als einem autonomen politischen Agenten. Claude konnte einzelne Arbeitsschritte übernehmen, während Menschen die Operationen steuerten und die Ergebnisse in größere Abläufe einfügten.
In der Zentralafrikanischen Republik nutzte eine laut Anthropic russlandnahe Operation Claude demnach für tägliche Radiobeiträge mit pro-moskauischen, pro-Wagner- und anti-französischen Botschaften. Außerdem soll das System bei der Überwachung von Oppositionspolitikern, bei gefälschten Regierungsdokumenten und bei Skripten für ranghohe Amtsträger geholfen haben.
Anthropic beschreibt Lakana 360 als eine für Malis staatlichen Nachrichtendienst entwickelte Plattform, die rund 25 Millionen SIM-Karten bei allen drei nationalen Mobilfunkanbietern überwacht. Beim Fall Lakana 360 beschreibt Anthropic eine andere Arbeitsteilung: Claude habe Softwaredesign und technische Entwicklung unterstützt, während die eingesetzte Plattform mit lokalen Modellen vor Ort betrieben werde. Die Kontosperren bei Anthropic wirken nach Darstellung des Unternehmens deshalb nicht auf das bereits eingesetzte Produkt.
Drei Fälle und die Rolle von Claude
Die drei zentralen Beispiele unterscheiden sich deutlich: einmal steht die Verteilung politischer Botschaften im Vordergrund, einmal technische Überwachung und einmal die Tarnung einer Einflusskampagne.
| Operation oder Schauplatz | Gemeldete Nutzung von Claude | Gemeldete Größenordnung oder Ziel |
| Mali: Lakana 360 | Unterstützung bei Softwaredesign und technischer Entwicklung einer Überwachungsplattform; der Betrieb erfolgt laut Anthropic mit lokalen Modellen vor Ort. | Überwachung von Kommunikation und Erstellung von nachrichtendienstlichen Dossiers |
| Zentralafrikanische Republik | Erstellung politischer und medialer Inhalte, Unterstützung bei Profilen, gefälschten Dokumenten und Skripten. | Regierungsfreundliche, pro-Wagner- und anti-französische Botschaften; Verbreitung über Radio Lengo Songo |
| Sudan-bezogene Einflussoperation | Erstellung von Inhalten, Profilen und Zeugenaussagen für ein Netzwerk mit gefälschten Konten. | Etwa 300 gefälschte Social-Media-Konten, Dossiers über 18 Mitglieder des Europäischen Parlaments und Material für den UN-Menschenrechtsrat |
Anthropic schreibt die Operation in der Zentralafrikanischen Republik einem russlandnahen Akteur zu. Im Sudan-Fall spricht das Unternehmen von einer mit hoher Wahrscheinlichkeit bestehenden Verbindung zu Regierungsvertretern der Vereinigten Arabischen Emirate.
Auch ein kommerzieller Fall zeigt, worin der praktische Hebel generativer Modelle liegt: LKM Company soll mindestens 8.913 erfundene Artikel über etwa 70 gefälschte Nachrichtenseiten in rund 20 Sprachen verbreitet haben. Claude musste dafür nicht selbst entscheiden, welche politische Botschaft verfolgt wird. Es reichte, dass das Modell die Produktion und Anpassung von Material stark beschleunigte.
Warum Produktionsmenge nicht gleich Wirkung ist
Viele erzeugte Texte bedeuten nicht automatisch viele echte Leser. Anthropic erklärt, dass der überwiegende Teil der von dem Unternehmen entdeckten Einflussinhalte wenig oder gar keine authentische Interaktion erzeugt habe. Das gilt als Aussage über die entdeckten Inhalte insgesamt und belegt nicht die Reichweite jeder einzelnen Kampagne.
Damit trennt der Bericht zwei Fragen, die bei KI-Propaganda gern vermischt werden: Wie viel Material lässt sich herstellen? Und: Wie viele Menschen reagieren tatsächlich darauf? Claude kann die erste Hürde senken, etwa durch Übersetzungen, Varianten, Profile und wiederholbare Veröffentlichungsabläufe. Daraus folgt aber noch kein politischer Einfluss.
Welche Maßnahmen Anthropic ergriff
Anthropic erklärt, die in dem Bericht beschriebenen Konten und Aktivitäten gestört oder gesperrt, Schutzvorkehrungen verbessert und Informationen mit Behörden sowie Partnern aus der Branche geteilt zu haben. Das Unternehmen sagt außerdem, alle beschriebenen Fälle hätten gegen seine Nutzungsregeln oder Vertragsbedingungen verstoßen.
Diese Maßnahmen beziehen sich auf die von Anthropic identifizierte Nutzung seiner Dienste. Beim Fall Lakana 360 liegt die entscheidende Grenze darin, dass der Betrieb laut Anthropic mit lokalen Modellen auf eigener Infrastruktur erfolgt. Eine Sperre eines Claude-Kontos beendet deshalb nicht automatisch ein bereits eingesetztes System.