Der Mathematiker Scott Armstrong hielt OpenAIs Navier–Stokes-Konstruktion in einem Beitrag vom 25. Oktober für kaum vorstellbar, aber für Menschen nachvollziehbar. Seine Einschätzung betrifft die Ambition und Verständlichkeit der Arbeit. Im Oktober-Paper von A. Bastounis, F. Circelli und A. C. Hansen geht es dagegen um die Frage, ob OpenAIs Lean-Formalisierung den schriftlichen Beweis semantisch getreu wiedergibt.
Was Armstrongs Einschätzung aussagt
Armstrong beschrieb die Konstruktion in seinem eigenen Beitrag auf X als „unbelievable“ und meinte, sie könne jenseits dessen liegen, was ein Mensch sich ausgedacht hätte, nicht aber jenseits menschlichen Verständnisses. Er verwies auch darauf, dass mehrere Gruppen von Fachleuten für partielle Differentialgleichungen daran arbeiteten, den Text nachzuvollziehen.
Das ist eine Einschätzung zur Tragweite und Verständlichkeit der Konstruktion, kein Urteil über die Korrektheit des Beweises. OpenAI-Präsident Greg Brockman veröffentlichte separat eine ähnlich formulierte Einschätzung. Eine frühere NeoTeo-Einordnung zu den unterschiedlichen Mathematikerreaktionen auf OpenAIs Navier–Stokes-Behauptung beleuchtete bereits andere Perspektiven auf den Anspruch.
Welche Unterschiede das Paper zwischen Lean und Text nennt
Das am 6. Oktober 2026 datierte Paper von A. Bastounis, F. Circelli und A. C. Hansen argumentiert, OpenAIs Lean-Formalisierung entspreche semantisch nicht dem schriftlichen Beweis. Semantische Treue bedeutet hier, dass die formale Fassung den mathematischen Inhalt des Textes bewahrt. Lean ist ein Beweisassistent: Er prüft einen formal codierten Beweis, aber diese Prüfung beantwortet für sich genommen nicht, ob die Codierung den schriftlichen Gedankengang genau wiedergibt.
Ein konkretes Beispiel betrifft Lemma 8.6. Die Autoren vergleichen eine Abschätzung im schriftlichen Beweis mit der zitierten Lean-Abschätzung:
| Fassung der Abschätzung | Zusätzliche Ableitungen in der Eingabeschranke |
| Schriftlicher Beweis | 4 |
| Zitierte Lean-Abschätzung | 5 |
Die Lean-Abschätzung verlangt damit laut den Autoren eine zusätzliche Ableitung, um dieselbe Art von Ableitungen des Ergebnisses zu begrenzen.
Auch bei einer Abschätzung des Druckflusses beschreiben die Autoren Unterschiede. Im schriftlichen Beweis hängt die Schranke von einer lokalisierten Norm der Geschwindigkeit ab; in der Lean-Fassung kommt zusätzlich eine lokalisierte Norm des Geschwindigkeitsgradienten hinzu. Außerdem formuliert der Text die Aussage für fast alle Zeiten im betrachteten Intervall, die Lean-Fassung dagegen für jede Zeit darin.
A. Bastounis, F. Circelli und A. C. Hansen beschränken ihre Analyse auf solche Abweichungen zwischen Text und Formalisierung. Sie bewerten damit nicht die Korrektheit des schriftlichen Beweises. Das vollständige Paper auf arXiv erläutert die Beispiele im Detail.
OpenAIs Behauptung und Clays datierte Erklärung
OpenAI erklärte am 8. September 2026, sein internes System habe einen Beweis für eine Singularität in endlicher Zeit bei einer glatten, anfangs ruhenden, dreidimensionalen inkompressiblen Flüssigkeit erzeugt. Eine glatte äußere Kraft wirkt auf die Flüssigkeit; ihre Energie bleibt laut OpenAI während der gesamten Entwicklung endlich. Das Unternehmen sagt, sein Ergebnis erfülle die Fälle C und D der Clay-Problemformulierung. OpenAI teilte außerdem mit, den Millennium-Preis für diese Arbeit nicht beanspruchen zu wollen. Die Erklärung von OpenAI enthält den schriftlichen Beweis und die Lean-Formalisierung.
Das Clay Mathematics Institute bezeichnete das Problem in seiner Erklärung vom 11. September 2026 als offenbar gelöst. Das Institut erklärte, die Preisregeln bestimmten die Prüfung und die Vergabe der Anerkennung; der Prozess verlaufe bewusst ohne Eile. Es kündigte weitere Mitteilungen an.