El Niño muss Spanien nicht direkt mit Dürre oder Überschwemmungen treffen, um dort zum wirtschaftlichen Risiko zu werden. Wetterprobleme in wichtigen Anbauregionen, Exportentscheidungen, knappe Futtermittel und teurere Transportwege können sich durch die globale Lieferkette bis nach Spanien fortsetzen. Die aktuelle Lage ist daher ein Übertragungsrisiko – kein nachgewiesener landesweiter Preisschock.

Das Risiko kommt über die Lieferkette

Ernteausfälle, Handelswege und die möglichen Folgen für Lebensmittelpreise

Der Mechanismus ist vergleichbar mit einer langen Dominokette: Fällt ein Stein in einer wichtigen Produktionsregion, können die Folgen später bei Importeuren, Verarbeitern und Verbrauchern ankommen. El Niño verändert Niederschläge und Temperaturen in verschiedenen Teilen der Welt. Dadurch können Ernten unter Druck geraten. Bei Fischerei und Tierfutter wirken ähnliche Effekte über geringere Fänge oder höhere Preise für Eiweißquellen.

LieferkettenstufeMögliche EntwicklungMögliche Folge für Spanien
AnbaugebieteVeränderte Regenmengen und Temperaturen belasten ErntenWeniger verfügbare Rohstoffe und höhere Beschaffungskosten
ExportpolitikRegierungen schränken Ausfuhren ein oder verändern ihre HandelsregelnWeltweit verfügbares Angebot kann sinken
TransportNiedrige Wasserstände können Schiffe zu Umwegen zwingen und Lieferungen verteuernHöhere Logistik- und Importkosten
FuttermittelWeniger Anchoveta kann die Verfügbarkeit von Fischmehl beeinflussenZusätzlicher Kostendruck für Tierhaltung und Aquakultur

Ein Erklärvideo zum Thema verbindet Ernteausfälle mit Problemen an wichtigen Handelswegen und zeigt, wie daraus höhere Kosten für Verbraucher entstehen können. Es nennt dabei unter anderem den Panamakanal als Beispiel für einen Transportengpass.

El Niño erreicht eine Phase mit erhöhtem Risiko

Die National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) meldete am 10. September 2026, dass sich El Niño verstärkt. Für den Herbst und Winter 2026/27 gab sie eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent für ein sehr starkes Ereignis an. Für Oktober bis Dezember 2026 lag die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses mit einem Relativ-Ozeanischen-Niño-Index von mindestens +2,5 °C bei 75 Prozent.

Im August 2026 lagen die Meeresoberflächentemperaturen im östlichen äquatorialen Pazifik laut NOAA mehr als 3,0 °C über dem Vergleichswert. Der Niño-3.4-Index lag bei +1,8 °C. Das sind Messwerte für den Pazifik – sie bedeuten nicht, dass Spanien automatisch dieselbe Wetterentwicklung erlebt.

Indien hat einen entscheidenden Hebel beim Reis

Indien ist für die Reisversorgung besonders wichtig, weil dort sowohl die Erntebedingungen als auch staatliche Exportentscheidungen den Weltmarkt beeinflussen können. Für Andhra Pradesh wurde ein Niederschlagsdefizit von 44 Prozent gemeldet. Gleichzeitig gilt der Exportstopp für nicht aromatischen weißen Reis aus dem Jahr 2023 als wichtiger Auslöser des damaligen Preisschubs.

Für Ende 2025 wurden in Indien 57,57 Millionen Tonnen Reisbestände genannt. Auf die Food Corporation of India entfielen dabei 33,59 Millionen Tonnen; diese Menge wurde als etwa dreimal so hoch wie die übliche Reserve beschrieben. Solche Bestände können den Druck auf das Angebot abfedern, solange Indien den Export nicht erneut stark beschränkt.

Der Unterschied zwischen 2023 und dem aktuellen Risiko ist damit entscheidend: Wetterstress allein bestimmt den Preis nicht. Lagerbestände, Handelsentscheidungen und die Nachfrage entscheiden mit darüber, wie stark ein Ernteproblem auf dem Weltmarkt ankommt.

Sevilla baut wieder Reis an – sitzt aber noch auf Lagerbeständen

Für die Reissaison 2026 wurden in Sevilla alle 36.500 Hektar der vorgesehenen Fläche bepflanzt. Das war das zweite Jahr in Folge; 2023 war auf diesen Flächen kein Reis angebaut worden. Gleichzeitig lagerten noch 40 Prozent der vorherigen Ernte in Silos.

Diese Kombination macht die spanische Lage komplexer. Ein globaler Versorgungsengpass könnte importierten Reis verteuern, doch vorhandene Bestände und die Nachfrage im spanischen Markt beeinflussen, wie schnell ein solcher Druck weitergegeben wird. Spanien ist deshalb nicht einfach ein passiver Empfänger des Weltmarktpreises.

Reis, Zucker, Öle und Futtermittel als weitere Wege

Die möglichen Folgen beschränken sich nicht auf Reis. Der globale FAO-Reisindex stieg im August 2026 um 0,5 Prozent. Für Zucker wurde im selben Monat ein Anstieg von 11,9 Prozent genannt; Pflanzenöle lagen auf dem höchsten Stand seit 2022. Diese Werte beschreiben globale Rohstoffmärkte und sind keine direkten Angaben zu spanischen Supermarktpreisen.

Auch Fischmehl kann eine Rolle spielen. Anchoveta aus Peru ist ein wichtiger Ausgangsstoff für Futtermittel. Geringe Fänge und schließungsbezogene Bedingungen in der peruanischen Fischerei erhöhen das Risiko für die Versorgung mit diesem Rohstoff. Über Futtermittel kann sich der Kostendruck anschließend auf Tierhaltung und Aquakultur auswirken.

Für Spanien ist das eine indirekte Verbindung: Nicht das Wetter in Indien oder Peru muss sich in Spanien wiederholen. Es genügt, dass sich ein wichtiger Rohstoff verteuert oder eine Handelsroute ins Stocken gerät.

Wie stark könnten die Preise steigen?

Eine historische Analyse der Europäischen Zentralbank schätzte, dass ein normales El-Niño-Ereignis die globale Inflation bei Agrarrohstoffen sechs bis zwölf Monate lang um etwa 3 Prozent erhöhen kann. Beim Übergang von einem normalen zu einem starken Ereignis lag der geschätzte Höchstwert für globale Lebensmittelrohstoffe bei bis zu 9 Prozent nach 16 Monaten.

Das sind historische globale Modellschätzungen, keine Vorhersage für Spanien. In der Praxis können Lagerbestände, Exportpolitik, Transportkosten und die Situation einzelner Märkte den Effekt verstärken oder abschwächen.

Das spanische Landwirtschaftsministerium beobachtet deshalb die Reispreise wöchentlich für Spanien, die Europäische Union und internationale Referenzmärkte.