Eine am 22. Oktober 2026 in Science veröffentlichte Studie rekonstruiert, wie sich die Barnes-Eiskappe nach einem Rückzug erneut ausdehnte und seit etwa 1960 wieder zurückweicht. Die Forschenden datieren einen Rückzug nach innen über den Eisrand von 2022 hinaus auf 3,56 ± 0,24 ka BP. Später folgten ein Minimum und eine erneute Ausdehnung.
Die rekonstruierte Chronologie
| Zeitpunkt oder Zeitraum | Entwicklung der Barnes-Eiskappe laut Studie |
| 3,56 ± 0,24 ka BP | Der Eisrand zog sich nach innen über den Stand von 2022 hinaus zurück. |
| Etwa 3–2 ka BP | Die Überreste des Laurentidischen Eisschilds erreichten eine minimale Ausdehnung. |
| Um 2 ka BP | Die Forschenden erschließen eine erneute Ausdehnung. |
| Um 1000 n. Chr. | Der Eisrand begann laut den Radiokarbondaten, sich auf das historische Maximum zuzubewegen. |
| Nach 1000 n. Chr. | Insgesamt dehnte sich das Eis weiter aus, mit zwischenzeitlichen Schwankungen. Um 1800 ± 200 n. Chr. näherte es sich seinem historischen Maximum. |
| Um 1960 | Der verbreitete moderne Rückzug setzte ein. |
BP steht für „before present“; in der Studie liegt dieser Bezugspunkt im Jahr 1950. „ka“ bedeutet tausend Jahre. Die Datierung von 3,56 ka BP beschreibt also einen Rückzug nach innen, nicht den erstmaligen Vorstoß bis zum heutigen Eisrand.
Gestein und Pflanzenreste halten frühere Eisränder fest
Für die Rekonstruktion kombinierten die Forschenden neue In-situ-Messungen von ¹⁰Be an Fels und Findlingen mit Radiokarbondatierungen von Vegetation, die vom Eis eingeschlossen worden war. Die Studie umfasst 88 neue kalibrierte Radiokarbondaten von Pflanzenresten am oder nahe dem Eisrand von 2022.
Die ¹⁰Be-Proben stammen aus drei Gruppen: 10 Findlinge aus einem Moränensystem 7 bis 9 Kilometer vom heutigen Rand entfernt sowie 13 Felsflächen außerhalb und 12 innerhalb der ungefähren Trimmlinie von 1960. Eine Trimmlinie markiert hier den früheren Rand des Eises. Zusammen helfen die Gesteins- und Pflanzendaten, frühere Positionen des Eises zeitlich einzuordnen.
Der jüngere Rückzug und die Schneegrenze
Von etwa 1960 bis 2022 wich der Eisrand je nach Ort um ungefähr 200 bis 800 Meter zurück. Zugleich sank der Anteil der Eisfläche oberhalb der mittleren Schneegrenze: Für den Zeitraum 1960 bis 1980 lag er bei etwa 35 Prozent, für 2000 bis 2012 bei rund 3 Prozent. Seit 2010 fehlt der Studie zufolge das Akkumulationsgebiet, in dem sich neuer Schnee ansammelt.
Die Forschenden führen den modernen Rückzug auf die vom Menschen verursachte sommerliche Erwärmung zurück. Sie deuten die erneute Ausdehnung als Beginn der nächsten Vergletscherung und den heutigen Rückzug als deren Beendigung. Ihre Rekonstruktion beschreibt die Entwicklung der Barnes-Eiskappe auf der Baffininsel im kanadischen Arktisgebiet.